Herr Bovenschulte, Sie sind von Haus aus Evolutionsbiologe. Was hat das mit Industriepolitik zu tun?
Tatsächlich habe ich vor vielen Jahren die natürlichen Ökosysteme gegen Innovationsökosysteme eingetauscht. Aber ich betrachte die Welt weiterhin durch die Brille von Charles Darwin und sein „Survival of the fittest“: Wer kann sich rasch an veränderte Bedingungen anpassen, Opportunitäten wahrnehmen und neue Nischen erschließen? Fragen, die sich auch die Industrie stellt.
Ihr Bereich hieß zuvor „Demografie, Cluster und Zukunftsforschung“. Warum die neue Bezeichnung?
Die neue Bezeichnung ist weit mehr als eine Umbenennung, es ist eine Neuausrichtung. Natürlich sind die demografischen Herausforderungen nicht geringer geworden und wir werden auch weiterhin das Thema Netzwerke gerade im Hinblick auf KMU und ihre Einbindung in Wertschöpfungsökosysteme intensiv bearbeiten. Aber wir sehen auch, dass die Zukunft der Industrie für Deutschland eine Gretchenfrage ist. Hier wollen wir Antworten liefern.
Deutschland ringt derzeit um sein zukünftiges Geschäftsmodell. Wie ernst ist die Lage aus industriepolitischer Sicht?
Die Lage ist ernst, aber sie ist vor allem auch Ansporn. Wir erleben tiefgreifende geopolitische Verschiebungen, neue technologische Wettbewerber und gleichzeitig einen zunehmenden Druck auf zentrale Industrien. Stichwort China. Wenn industrielle Wertschöpfung verloren geht, verlieren wir nicht nur Wirtschaftskraft, sondern auch hochqualifizierte Arbeitsplätze, Innovationsfähigkeit und ein großes Stück technologische Souveränität. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Worauf soll das Geschäftsmodell unserer Volkswirtschaft in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren beruhen? Industriepolitik darf sich nicht darauf beschränken, bestehende Strukturen zu erhalten. Sie muss Zukunft ermöglichen.
Die Industriepolitik der vergangenen Jahre war von umfangreichen staatlichen Eingriffen geprägt. Reicht dieses Instrumentarium noch aus?
Die Erfahrungen der Corona-Pandemie haben gezeigt, dass der Staat in Krisensituationen handlungsfähig sein muss. Gleichzeitig stoßen klassische Instrumente wie Subventionen an Grenzen. Angesichts knapper öffentlicher Mittel können wir nicht jede Branche dauerhaft stützen. Deshalb brauchen wir eine stärker priorisierende und strategisch fokussierte Industriepolitik. Es geht weniger darum, möglichst viele Mittel zu verteilen, sondern darum, gezielt dort anzusetzen, wo neue Wertschöpfung, Innovationsdynamik und Wettbewerbsfähigkeit entstehen können. Die Kunst besteht darin, Stabilisierung und Transformation miteinander zu verbinden.
Was bedeutet das konkret für die Ausgestaltung zukünftiger Industriepolitik?
Industriepolitik muss systemischer werden. Wettbewerbsfähigkeit entsteht heute nicht isoliert in einzelnen Branchen, sondern im Zusammenspiel von Energieversorgung, Fachkräften, Infrastruktur, Technologien und globalen Lieferketten. Wer beispielsweise die Automobilindustrie betrachtet, muss gleichzeitig über Softwarekompetenzen, Batterietechnologien, KI-Anwendungen und Qualifizierung und natürlich über Märkte und Wettbewerber sprechen. Deshalb brauchen wir ein tieferes Verständnis industrieller Wertschöpfungssysteme. Industriepolitik sollte nicht nur einzelne Unternehmen oder Technologien adressieren, sondern die Bedingungen schaffen, unter denen ganze Innovationsökosysteme entstehen und wachsen können. Und natürlich schauen wir uns hier auch ganz genau an, welche Effekte dabei Maßnahmen wie jene zur Stärkung von „Local Content“, die „Net Zero Valleys“ und andere haben werden.
Sie setzen dabei auch auf Foresight-Methoden. Welchen Mehrwert bieten diese für die Industriepolitik?
Foresight hilft uns, den Blick vom Tagesgeschäft auf die langfristigen Entwicklungspfade zu richten. Wir beschäftigen uns systematisch mit möglichen und plausiblen Ausprägungen der Zukunft, um frühzeitig Handlungsoptionen zu identifizieren. Dabei geht es insbesondere um Preparedness: Das Vorbereitetsein auf neue Herausforderungen und die Bereitschaft, diese dann auch anzunehmen. Besonders wichtig ist das bei der Gestaltung von Übergängen zwischen sogenannten Sunset- und Sunrise-Industrien; also zwischen jenen, die an Bedeutung verlieren und jenen, die an Bedeutung gewinnen. Die Frage lautet nicht nur, welche Branchen und Industrien unter Druck geraten, sondern vor allem, wo die nächsten Wachstumsfelder entstehen und wie wir den Übergang dorthin aktiv unterstützen können. Die Erneuerung und Erweiterung des industriellen Kerns treiben uns an.
Wo sehen Sie derzeit besonders spannende Zukunftsfelder für den Industriestandort Deutschland?
Ein wichtiges Thema ist Advanced Systems Engineering als Weiterentwicklung des klassischen German Engineering. Künftig werden industrielle Architekturen entscheidend sein, die Software, Künstliche Intelligenz, Hardware und Produktion integrieren. Darüber hinaus beobachten wir sehr genau Entwicklungen wie die humanoide Robotik, die ganze Wertschöpfungsketten verändern könnte. Dazu gehört auch die Frage, welchen Anteil der Wertschöpfung Deutschland an Systemen wie humanoiden Robotern realisieren will.
Und dann gibt es noch Felder, die heute vielleicht überraschend wirken. So beispielsweise eine entstehende Space-based Economy, die langfristig völlig neue Märkte und technologische Wertschöpfungsmöglichkeiten eröffnen könnte. Noch stehen wir hier ganz am Anfang. Aber gerade solche Entwicklungen zeigen, warum eine moderne Industriepolitik nicht nur aktuelle Herausforderungen lösen, sondern auch die Chancen von morgen in den Blick nehmen muss.